Wiesen-Labkraut
Wer im Sommer durch blühende Landschaften wandert, dem fällt oft ein weißer Schleier auf, der über dem Gras zu schweben scheint – das ist meist das Wiesen-Labkraut (Galium mollugo). Es gehört zu den vielseitigsten Wildpflanzen vor unserer Haustür und dient sowohl als schmackhafte Zutat in der Küche als auch als sanfter Helfer für das Immunsystem und den Stoffwechsel. Die Hauptanwendungen liegen heute vor allem in der Entgiftung und der Hautpflege, während es früher sogar eine entscheidende Rolle bei der Käseherstellung spielte.
Eine Pflanze mit Geschichte: Vom Käselab zum Bettstroh
Der Name „Labkraut“ verrät bereits seine wohl bekannteste historische Verwendung: Die Pflanze enthält das Enzym Labferment, das in der Lage ist, Milcheiweiß zum Gerinnen zu bringen. Bevor industrielles Lab zur Verfügung stand, nutzten Senner und Bauern das Kraut, um Käse herzustellen.1 Auch die rote Farbe, die aus den Wurzeln gewonnen werden konnte, gab der Familie der Rötegewächse ihren Namen. In der Textilfärberei war es eine günstige Alternative zum teuren Färberkrapp.
In der christlichen Mythologie und der Volksheilkunde hat das Labkraut ebenfalls einen festen Platz. Unter dem Namen „Maria Bettstroh“ war es bekannt, weil man glaubte, die Jungfrau Maria habe das Jesuskind auf ein Lager aus Labkraut gebettet. Dies führte dazu, dass man getrocknetes Labkraut oft in die Matratzenfüllungen von Wöchnerinnen gab. Man versprach sich davon nicht nur einen angenehmen, honigartigen Duft, sondern auch eine schützende und beruhigende Wirkung.2
In der Ernährung
In der modernen Wildkräuterküche ist das Wiesen-Labkraut ein echter Geheimtipp für Anfänger, da es im Gegensatz zu vielen anderen Wildpflanzen sehr mild und fast neutral schmeckt. Junge Triebe, die du vor der Blüte erntest, erinnern geschmacklich an eine feine Mischung aus Kopfsalat und jungem Spinat mit einer leicht nussigen Note. Sie sind reich an Kieselsäure, Vitamin C und wertvollen Mineralstoffen, die deinen Körper gerade im Frühjahr wunderbar unterstützen. 3
Du kannst fast alle Teile der Pflanze verwenden. Die zarten Blätter und Triebspitzen sind ideal als Basis für einen Wildkräutersalat mit Labkraut.
Die Spitzen können auch für grüne Smoothies genutzt, als Spinat gekocht oder in Suppen gegeben werden. Wenn du sie klein schneidest, passen sie auch hervorragend in einen Quark oder ein Kräuterpesto.
Als Keimsaat für den Winter eignen sich die winzigen Samen des Wiesenlabkrauts. Sie sind im August und September zu finden und werden geröstet und gemahlen auch als Kaffeeersatz verwendet.
Die weißen Blüten verströmen im Sommer einen zarten Honigduft und eignen sich perfekt, um Limonaden zu aromatisieren oder als essbare Dekoration auf Desserts. Für ein Blütenwasser koche die Blüten für eine halbe Stunde in Wasser und seihe sie anschließend ab. Es wird frisch pur oder mit Saft gemischt getrunken oder durch Zugabe von Geliermittel oder Zucker zu Gelee, Sirup und zu Desserts weiterverarbeitet.
Ein einfaches Rezept für eine alkoholfreie Labkrautbowle, welche du ebenso mit Wiesenlabkraut herstellen kannst, findest du im Pflanzenprofil des echten Labkrauts.

Heilende Kraft: Sanfte Unterstützung für den Stoffwechsel
Das Wiesen-Labkraut wird in der Volksheilkunde vor allem für seine reinigenden Eigenschaften geschätzt. Es gilt als klassisches „Entgiftungskraut“, das den Lymphfluss anregen soll und die Nierenfunktion sanft unterstützt. Wissenschaftliche Untersuchungen für den Verwandten Galium verum (Echtes Labkraut) belegen heute, dass die enthaltenen Iridoidglykoside und Flavonoide entzündungshemmende und antioxidative Wirkungen haben.4 Auch das Spurenelement Kieselsäure ist reichlich vorhanden, was traditionell unterstützend für das Bindegewebe wirken soll.
Anwendung findet es traditionell bei leichten Harnwegsbeschwerden oder zur allgemeinen Unterstützung bei einer Frühjahrskur. Da es harntreibend wirkt, hilft es dem Körper, Stoffwechselendprodukte effizienter auszuscheiden. Es wird zudem traditionell empfohlen bei geschwollenen Lymphknoten oder zur sanften Unterstützung des Immunsystems.
Gefahren bei der Anwendung sind kaum bekannt, da das Wiesen-Labkraut als sehr sicher gilt. Dennoch solltest du bei schweren Nierenerkrankungen oder während der Schwangerschaft vor einer kurmäßigen Anwendung Rücksprache mit einem Arzt halten. Eine Überdosierung kann in seltenen Fällen zu einer leichten Reizung der Harnwege führen, weshalb man sich an die üblichen Mengen von zwei bis drei Tassen Tee pro Tag halten sollte.
Tee
Der Tee wird mit zwei Teelöffeln des frischen oder getrockneten Krauts mit 250 ml kochendem Wasser zubereitet.
In dem Tee getränkte Umschläge können äußerlich bei Wunden, Hautunreinheiten und Ausschlägen Linderung verschaffen.
Viele weitere Informationen und Rezepte zu Tees mit Heil- und Wildpflanzen findest du in unseren Büchern:
Tinktur
Genauso wie aus dem echten Labkraut kannst du auch aus dem Wiesenlabkraut eine immunstärkende Tinktur herstellen. Hier erfährst du, wie die Tinktur zubereitet wird.
Schönheit und Haushalt: Natürliche Pflege von außen
Nicht nur innerlich, auch äußerlich zeigt das Wiesen-Labkraut seine Stärken. Aufgrund seiner zusammenziehenden (adstringierenden) und entzündungshemmenden Gerbstoffe ist es ein wunderbares Mittel für die Hautpflege. In der Volksheilkunde nutzt man Umschläge mit Labkraut-Tee bei schlecht heilenden Wunden, Hautirritationen oder leichten Ekzemen. Die Kieselsäure sorgt dabei für eine Stärkung der Hautbarriere.
Für die eigene Kosmetik kannst du ganz einfach ein Labkraut-Öl herstellen. Dazu füllst du ein Glas mit welken (leicht angetrockneten) Pflanzenteilen und übergießt sie mit einem hochwertigen Bio-Mandelöl. Nach etwa vier Wochen an einem warmen Ort hast du ein wunderbares Körperöl, das die Haut strafft und beruhigt. Auch im Haushalt war das Kraut nützlich: Dank seiner rauen Stängel wurde es früher gebündelt als natürlicher „Topfreiniger“ verwendet – heute eine tolle Inspiration für nachhaltige Haushaltshelfer.
Erkennung und Sammeltipps

Das Wiesen-Labkraut zu finden ist nicht schwer, wenn man weiß, worauf man achten muss. Es wächst bevorzugt an sonnigen bis halbschattigen Standorten auf nährstoffreichen Wiesen, an Wegrändern und in lichten Wäldern.
- Wuchs: Die Pflanze wird zwischen 30 und 100 cm hoch und wächst oft buschig oder liegend-aufsteigend.
- Stängel: Der Stängel ist deutlich vierkantig und im Gegensatz zum Kletten-Labkraut glatt oder nur ganz leicht behaart – er klebt also nicht an der Kleidung fest.
- Blätter: Die schmalen, lanzettlichen Blätter stehen in sogenannten „Quirlen“ (wie die Speichen eines Rades) etagenweise am Stängel. Meist sind es 6 bis 8 Blätter pro Etage.
- Blüten: Von Mai bis September erscheinen winzige, weiße, sternförmige Blüten, die in großen, lockeren Rispen angeordnet sind und herrlich nach Honig duften.
Verwechslungsgefahr: Die größte Ähnlichkeit besteht zum Echten Labkraut, das jedoch leuchtend gelbe Blüten hat, oder zum Kletten-Labkraut, das durch seine Widerhaken überall hängen bleibt. Beide sind ebenfalls ungiftig und essbar. Vorsicht ist nur bei weißen Doldenblütlern geboten – achte immer auf die charakteristischen Blattquirle, die das Labkraut eindeutig identifizieren.
Kultivierter Anbau: Ein weißes Wolkenmeer im Garten
Möchtest du das Wiesen-Labkraut dauerhaft in deiner Nähe haben, lässt es sich problemlos im Garten oder sogar in größeren Kübeln auf dem Balkon kultivieren. Es ist eine sehr anspruchslose Staude, die normale Garten Erde liebt. Am wohlsten fühlt es sich an einem sonnigen Platz, verträgt aber auch Halbschatten gut. Einmal etabliert, ist es sehr winterhart und kommt jedes Jahr zuverlässig wieder.
Die Vermehrung gelingt am einfachsten durch Aussaat im Frühjahr oder durch Teilung der Wurzeln. Da das Labkraut zur Ausläuferbildung neigt, solltest du ihm etwas Platz einräumen oder es in einer Wurzelsperre halten, wenn dein Garten eher klein ist. Ein Schnitt nach der ersten Blüte im Juni fördert oft einen zweiten Austrieb im Spätsommer, sodass du bis in den Herbst hinein frische, zarte Triebspitzen ernten kannst.
- Hiller, K., & Melzig, M. F. (2010): Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. Spektrum Akademischer Verlag. ↩︎
- Beuchert, M. (2004): Symbolik der Pflanzen. Insel Verlag ↩︎
- Fleischhauer, S. G., Guthmann, J., & Spiegelberger, R. (2014): Enzyklopädie Essbare Wildpflanzen. AT Verlag. ↩︎
- Journal of Ethnopharmacology / MDPI Molecules (z.B. Jiang et al., 2019): Antioxidant and Anti-inflammatory Activities of Galium verum Extracts ↩︎
Steckbrief
- Kurzbeschreibung
- Ausdauernde Pflanze mit vierkantigem Stängel, quirlständigen Blättern und weißen, honigduftenden Blütenwolken.
- Lateinischer Name
- Galium mollugo
- Andere Namen
- Bettstroh, Bitterstielkraut, Butterstiel, Gelbes Käselab, Herzbresten, Lauritzen, Liebfrauenstroh, Gemeines Labkraut, Magerkraut, Milchgerinnkraut, Grasstern, Wegstroh, Wundstillkraut, Herrgottsstroh
- Familie
- Rötegewächse (Rubiaceae)
- Erntemonate
- ganzjährig
- Verwendbare Pflanzenteile
- Blätter, Blüten, Samen, Triebe
- Blattform
- lanzettlich, lineal
- Blütenfarbe
- weiß
- Fundorte
- Fettwiesen, Wegränder, lichte Gebüsche, Gartenränder
- Verwechslungsgefahr
- Echtes Labkraut (gelbe Blüten), Kletten-Labkraut (klebt).
- Giftigkeit
- ungiftig
- Inhaltsstoffe
- Cumarine, Flavonoide, Gerbstoffe, Glykoside, Iridoidglykoside, Kieselsäure, Spurenelemente
- Eigenschaften
- entzündungshemmend, harntreibend, hautpflegend, krampflösend, stoffwechselanregend
- Hilft bei
- Hautprobleme, Lymphstau, Wunden
- Erkennung / Sammeltipps
- Junge Triebe vor der Blüte für die Küche, blühendes Kraut für Tee und Heilzwecke.













Ich schaue immer so gerne hier vorbei, danke für all die wunderbaren Infos. Es ist schön zu wissen, dass man das Wiesenlabkraut auch jetzt im Winter noch entdecken kann und wofür es alles gut ist. Eure Seite ist echt bereichernt!