Bertram
Der Bertram (Anacyclus pyrethrum) gehört zu den fast vergessenen Heilpflanzen Europas und erlebt heute eine kleine Renaissance. Besonders durch die Schriften der berühmten Klostermedizinerin Hildegard von Bingen ist diese Pflanze wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Seine scharf schmeckende Wurzel gilt seit Jahrhunderten als anregendes Gewürz und als Heilmittel für Verdauung und Stoffwechsel. Wenn du dich für traditionelle Heilpflanzen interessierst, ist Bertram eine spannende Entdeckung.
Herkunft, Geschichte und kulturelle Bedeutung
Der Bertram stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und aus Teilen Nordafrikas. Schon in der Antike war diese Pflanze bekannt und geschätzt. Griechen und Römer nutzten die Wurzel vor allem wegen ihres scharfen Geschmacks und ihrer stark anregenden Wirkung auf Speichelfluss und Verdauung.1
Besonders bekannt wurde der Bertram im europäischen Mittelalter durch die Klostermedizin. Die berühmte Benediktinerin Hildegard von Bingen beschrieb ihn im 12. Jahrhundert als eine der wichtigsten Heilpflanzen überhaupt. In ihrem Werk „Physica“ empfiehlt sie Bertram als Gewürz für viele Speisen.2 Sie war überzeugt, dass er den Körper stärkt und die Verdauung unterstützt. Laut Hildegard solle Bertram regelmäßig als Pulver über Speisen gestreut werden, um „gute Säfte im Körper“ zu fördern.
Auch in der traditionellen arabischen Medizin spielte die Pflanze eine Rolle. Ärzte der mittelalterlichen Medizin, etwa Avicenna, beschrieben die Wurzel als Mittel gegen Zahnschmerzen und zur Stärkung des Nervensystems.3 In einigen Regionen Nordafrikas wurde sie außerdem als Aphrodisiakum eingesetzt.
Bertram in der Ernährung
Essbar ist hauptsächlich die Wurzel der Pflanze, die nach der Ernte getrocknet und zu Pulver vermahlen wird. Dieses Pulver kann ähnlich wie Pfeffer eingesetzt werden. Schon eine kleine Menge reicht aus, um Gerichten eine angenehme Würze zu verleihen.
In der Wurzel finden sich verschiedene ätherische Öle, Bitterstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Diese regen die Verdauung an und fördern die Bildung von Speichel und Magensaft. Außerdem liefert die Pflanze kleine Mengen an Mineralstoffen wie Kalium und Calcium.
Besonders gut passt das Pulver zu Suppen, Gemüsegerichten oder Eierspeisen. Wenn du ihn zum ersten Mal ausprobierst, beginne am besten mit kleinen Mengen, denn der Geschmack ist überraschend intensiv.
Rührei mit Bertram ist eine klassische Anwendung. Das Gewürz wird dabei ähnlich wie Pfeffer eingesetzt und gibt dem Gericht eine warme Würze.
Dinkelsuppe nach Hildegard von Bingen
Eine klassische Dinkelsuppe ist ein sanftes Heilmittel, das den Magen schont und die Lebensgeister weckt. Du kannst sie im Rahmen einer Fastenkur zubereiten oder als Alltagsmahlzeit servieren. Für eine Fastensuppe empfiehlt sich eine Zubereitung ohne Fett. In der normalen Ernährung ist Butter oder etwas Pflanzenöl eine wertvolle Ergänzung. Denn das Fett macht die Suppe nicht nur cremiger und aromatischer, sondern unterstützt auch die Aufnahme der ätherischen Öle der Gewürze.

Heilende Anwendungen
Wissenschaftlich untersucht wurde vor allem die verdauungsfördernde Wirkung der Pflanze. Die scharfen Inhaltsstoffe regen die Speichelproduktion und die Bildung von Magensäure an. Dadurch kann Bertram die Verdauung unterstützen und bei Appetitlosigkeit hilfreich sein.4
Auch eine anregende Wirkung auf den Stoffwechsel wird beschrieben. Bitterstoffe gelten allgemein als verdauungsfördernd und können die Funktion von Leber und Galle stimulieren.
In der traditionellen Volksheilkunde wurde Bertram noch vielseitiger eingesetzt. Dort galt er als Mittel gegen Zahnschmerzen, Erkältungen und allgemeine Schwäche. Das Kauen eines kleinen Stücks der Wurzel sollte Speichelfluss und Durchblutung im Mundraum fördern. Dadurch konnten Entzündungen im Mund gelindert werden.
Auch bei Müdigkeit und Konzentrationsschwäche wurde Bertram gelegentlich verwendet, da seine scharfen Inhaltsstoffe leicht anregend wirken.5
Hinweis: Trotz seiner Vorteile sollte Bertram sparsam verwendet werden. In größeren Mengen kann er die Schleimhäute reizen. Menschen mit empfindlichem Magen sollten vorsichtig sein. Während Schwangerschaft und Stillzeit empfiehlt es sich ebenfalls, auf größere Mengen zu verzichten.
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Kosmetische Anwendungen, Haushalt und Garten
In der Volksheilkunde wurde ein Bertramwurzel-Aufguss manchmal für Mundspülungen verwendet. Die scharfen Inhaltsstoffe regen die Durchblutung des Zahnfleisches an und können so die Mundgesundheit unterstützen.
Ein einfaches Hausmittel ist ein Bertramöl, das du selbst herstellen kannst. Dazu lässt du etwas Bertrampulver mehrere Wochen in einem hochwertigen Pflanzenöl ziehen. Dieses Öl kann dann vorsichtig für Massagen verwendet werden, um die Durchblutung zu fördern.
Auch für die Hautpflege wurde Bertram gelegentlich genutzt. Aufgrund seiner anregenden Eigenschaften kann er in kleinen Mengen Bestandteil von Kräutersalben sein.
Aussehen und Erkennungsmerkmale

Der Bertram gehört zur Familie der Korbblütler und erinnert auf den ersten Blick ein wenig an kleine Kamillenpflanzen. Dennoch besitzt er einige typische Merkmale, an denen du ihn erkennen kannst.
- Die Pflanze wächst meist niedrig und erreicht eine Höhe von etwa 20 bis 40 Zentimetern.
- Die Blätter sind fein gefiedert und erinnern etwas an Kamillenblätter. Sie wirken weich und zart.
- Die Blüten bestehen aus einem gelben Blütenkopf mit kleinen weißen Zungenblüten.
- Die Pflanze bildet eine kräftige, aromatische Wurzel, die medizinisch genutzt wird.
- Beim Zerreiben der Wurzel entsteht ein scharfer, leicht prickelnder Geschmack.
- Die Stängel wachsen aufrecht und verzweigen sich oft leicht.
- Die Blütezeit liegt meist zwischen Mai und Juli.
Bertram wächst natürlicherweise vor allem in warmen Regionen des Mittelmeerraums. Er bevorzugt sonnige Standorte mit durchlässigen, eher trockenen Böden.
Beim Sammeln sollte man vorsichtig sein, denn Verwechslungen mit anderen Korbblütlern sind möglich. Die sichere Bestimmung gelingt am besten über die charakteristische Wurzel und den scharfen Geschmack.
Die Wurzel wird in der Regel im Herbst geerntet, wenn sich die Inhaltsstoffe besonders stark konzentriert haben. Nach dem Ausgraben wird sie gründlich gereinigt, getrocknet und anschließend zu Pulver verarbeitet.
Bedingungen für den kultivierten Anbau
Bertram lässt sich auch im eigenen Garten kultivieren, wenn die Bedingungen stimmen. Die Pflanze bevorzugt einen sonnigen und warmen Standort. Besonders gut gedeiht sie in lockeren, sandigen Böden, die nicht zu feucht sind.
Staunässe verträgt Bertram schlecht, deshalb sollte der Boden gut durchlässig sein. Ein leicht kalkhaltiger Boden kann das Wachstum sogar fördern. Gedüngt werden muss die Pflanze nur sparsam, denn zu viele Nährstoffe führen zu weniger aromatischen Wurzeln.
Die Aussaat erfolgt meist im Frühjahr. Die Samen werden nur leicht mit Erde bedeckt und benötigen Wärme zum Keimen. Auch ein Anbau im größeren Topf auf Balkon oder Terrasse ist möglich.
Die Wurzeln können im zweiten Jahr geerntet werden. Danach werden sie gewaschen, geschnitten und an einem luftigen Ort getrocknet. Anschließend lassen sie sich problemlos zu Pulver vermahlen und als Gewürz oder Heilmittel verwenden.
- Dioscorides: De Materia Medica, Buch III. ↩︎
- Hildegard von Bingen. Physica. ↩︎
- Avicenna. Canon of Medicine. 1999. Kazi Pubn Inc. ↩︎
- Elazzouzi, H., Fadili, K., Cherrat, A., Amalich, S., Zekri, N., Zerkani, H., Tagnaout, I., Hano, C., Lorenzo, J. M. & Zair, T. (2022). Phytochemistry, Biological and Pharmacological Activities of the Anacyclus pyrethrum (L.) Lag: A Systematic Review. Plants, 11(19), 2578. ↩︎
- Tayier Tuersong et. al., (2024). Traditional use, chemical composition, and pharmacological activity of Anacyclus pyrethrum (L.) DC. Clinical Traditional Medicine and Pharmacology
↩︎
Steckbrief
- Kurzbeschreibung
- Niedrige krautige Pflanze mit kamillenähnlichen Blüten und scharf schmeckender Wurzel
- Lateinischer Name
- Anacyclus pyrethrum
- Andere Namen
- Römischer Bertram, Bertrampflanze
- Familie
- Korbblütler (Asteraceae)
- Erntemonate
- Sep - Okt
- Verwendbare Pflanzenteile
- Wurzeln
- Blattform
- feinfiedrig
- Blütenfarbe
- gelb, weiß
- Fundorte
- Mittelmeerraum, Nordafrika, teilweise kultiviert in Europa
- Verwechslungsgefahr
- andere Korbblütler, besonders Kamille
- Giftigkeit
- ungiftig
- Hinweise zur Giftigkeit
- große Mengen können Schleimhäute reizen
- Warnungen
- vorsichtig bei empfindlichem Magen
- Inhaltsstoffe
- Alkylamide, ätherische Öle, Bitterstoffe, Phenole, Pyrethrine, Scharfstoffe, Sesquiterpene
- Eigenschaften
- anregend, aphrodisierend, speichelanregend, stoffwechselanregend, verdauungsfördernd
- Hilft bei
- Appetitlosigkeit, Mundentzündung, Verdauungsprobleme
- Erkennung / Sammeltipps
- Wurzel hat scharf prickelnden Geschmack
- Anbau
- sonniger Standort, lockerer sandiger Boden







