Blutwurz
Vielleicht hast du auf einer mageren Bergwiese schon einmal die zarten, leuchtend gelben Blüten der Blutwurz (Potentilla tormentilla) entdeckt. Hinter diesem unscheinbaren Rosengewächs verbirgt sich eine der kraftvollsten Gerbstoffpflanzen unserer Heimat. In diesem Porträt erfährst du, wie du die Blutwurz sicher erkennst, schonend sammelst und wohltuend in deinen Alltag integrierst.
Herkunft, Geschichte und kulturelle Bedeutung
Schon im Mittelalter erlangte das zarte Wiesenkraut legendäre Bekanntheit: Als im Jahr 1348 die Pest im Schwarzwald grassierte, vertrauten die Menschen auf den überlieferten Volksvers „Esst Tormentill und Bibernell, so sterbt ihr nicht so schnell“. Der Arzt und Kräutervater Hieronymus Bock hielt diesen Brauch fest und lobte die Kraft der Wurzel bei ansteckenden Seuchen und hartnäckigen Durchfällen. Im 16. Jahrhundert verordnete auch Paracelsus die Pflanze regelmäßig seinen Patienten, um innere Blutungen zu stillen und schwere Darmkrämpfe rasch zu lindern.
Die markante Rotfärbung beim Anschneiden des Wurzelstocks prägte dabei die Signaturenlehre des Spätmittelalters. Da die frische Schnittfläche wie blutendes Gewebe aussieht, schrieben heilkundige Menschen ihr instinktiv blutstillende Eigenschaften zu. In Schottland und im Alpenraum galt sie zudem als magische Abwehrpflanze gegen bösen Zauber und diente gleichzeitig als natürlicher Farbstoff für Wolle sowie zum Gerben von Leder.
In der Ernährung
Kulinarisch eignen sich vor allem die jungen Blätter im zeitigen Frühjahr als Beigabe zu Wildkräutersalaten. Der getrocknete Wurzelstock ist wegen seines enormen Gerbstoffgehalts nicht zum direkten Verzehr geeignet; er dient ausschließlich der Zubereitung wässriger Auszüge (Tee) oder alkoholischer Magenbitter.
Die Blätter liefern wertvolles Vitamin C, Flavonoide sowie Mineralstoffe wie Kalium und Kalzium. Der Wurzelstock glänzt vor allem mit sekundären Pflanzenstoffen, die der Verdauung nach schweren Mahlzeiten auf die Sprünge helfen.
Blutwurz-Magenbitter
Für einen klassischen Blutwurz-Magenbitter schneidest du ein daumengroßes, gereinigtes Wurzelstück in feine Scheiben. Setze diese in einem verschließbaren Glas mit einem halben Liter klarem Korn oder Wodka an. Nach einer Ziehzeit von vier Wochen an einem warmen Ort filterst du die tiefrote Flüssigkeit ab und rundest sie mit zwei Esslöffeln Waldhonig ab. Ein kleines Gläschen nach dem Essen regt die Magensäfte spürbar an.
Möchtest du auf Alkohol verzichten, bereitest du einen einfachen Wurzelabsud zu. Koche dafür einen halben Teelöffel getrocknete, zerkleinerte Wurzel mit einer Tasse Wasser für zehn Minuten sanft auf dem Herd aus und gieße ihn durch ein Sieb.
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Heilende Anwendungen
In der Naturheilkunde nimmt die Blutwurz als stark zusammenziehendes Mittel einen Spitzenplatz ein. Hauptverantwortlich für ihre medizinische Kraft sind die kondensierten Gerbstoffe, die bis zu zwanzig Prozent des getrockneten Wurzelstocks ausmachen. Dazu gesellen sich Ellagitannine wie Agrimoniin, antioxidative Flavonoide sowie das Triterpenglykosid Tormentosid. Gerbstoffe reagieren unmittelbar mit Eiweißen der Schleimhaut und bilden eine dünne, schützende Schicht. Krankheitserreger können so schlechter eindringen, und gereiztes Gewebe beruhigt sich rasch.
Vom Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der EMA ist die Blutwurz als traditionelles pflanzliches Arzneimittel bei akuten, unkomplizierten Durchfallerkrankungen sowie bei leichten Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut.1 Durchfallerreger verlieren ihre Angriffsfläche, und übermäßiger Wasserverlust im Darm wird gebremst. 2
In der Volksheilkunde setzt man die Pflanze zur Blutstillung bei leichten Hautverletzungen, bei Hämorrhoiden, chronischen Darmentzündungen sowie zur Linderung starker Menstruationsbeschwerden ein.
Hinweis: Auf leeren Magen eingenommen, kann Blutwurz aufgrund des hohen Gerbstoffgehalts Übelkeit und Magenschmerzen auslösen. Menschen mit empfindlichem Magen trinken den Tee daher am besten nach den Mahlzeiten. Zudem hemmen Gerbstoffe die Aufnahme von Mineralstoffen und Arzneistoffen im Darm. Nimm andere Medikamente deshalb stets mit einem zeitlichen Abstand von mindestens ein bis zwei Stunden ein. Bei blutigen Durchfällen oder Fieber ist der Gang zum Arzt zwingend erforderlich.
Kosmetische Anwendungen, im Haushalt und Garten
Äußerlich angewendet erweist sich die Blutwurz als verlässlicher Retter für strapazierte Haut und die Mundgesundheit. Ihre Gerbstoffe und Flavonoide verfeinern vergrößerte Poren, wirken antibakteriell und dämmen Entzündungen bei unreiner Haut oder Akne spürbar ein. In der Volksheilkunde bewährt sich ein starker Wurzelaufguss seit jeher als adstringierendes Gesichtswasser oder als lindernde Kompresse bei kleinen Schürfwunden und Insektenstichen.
Blutwurz-Tinktur
Für die tägliche Mundhygiene kannst du eine unkomplizierte Blutwurz-Tinktur ansetzen: Übergieße getrocknete Wurzelstücke in einem Schraubglas mit 40-prozentigem Doppelkorn und lasse den Ansatz drei Wochen reifen. Einige Tropfen dieser Tinktur in etwas Wasser verdünnt festigen lockeres Zahnfleisch und lindern schmerzhafte Aphten.
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Aussehen und Erkennungsmerkmale

Wenn du im Sommer über naturbelassene Heiden oder Waldränder streifst, kannst du die Blutwurz an ihren charakteristischen vierzähligen Blüten und der eigenwilligen Wuchsform gut erkennen.
- Wuchsform und Stängel: Ausdauernde, krautige Pflanze mit einer Wuchshöhe von 10 bis 30 Zentimetern. Die schlanken, festen Stängel wachsen niederliegend bis aufsteigend und verzweigen sich im oberen Bereich gabelig.
- Blattform und Beschaffenheit: Die dunkelgrünen, behaarten Stängelblätter sitzen direkt am Stängel ohne Blattstiel. Sie sind dreizählig gefingert und grob gezähnt. Durch zwei auffällig große, blattartige Nebenblätter am Blattgrund wirken sie optisch wie fünfzählig geteilt.
- Blüten: Leuchtend gelbe Einzelblüten von Mai bis Oktober. Sie besitzen in der Regel vier Kronblätter – eine seltene Ausnahme bei Rosengewächsen, die sonst fast immer fünf Blütenblätter tragen.
- Wurzelstock (Rhizom): Das unterirdische Rhizom ist knollig, verholzt, unregelmäßig geformt und verströmt beim Trocknen einen feinen Rosenduft. Ein frischer Anschnitt färbt sich an der Luft innerhalb von Sekunden blutrot.
- Standort und Lebensraum: Magerwiesen, Heidelandschaften, Flachmoore, lichte Mischwälder und Borstgrasrasen auf sauren, basenarmen und eher feuchten Böden.
- Verwechslungsgefahr: Häufige Doppelgänger wie das Kriechende Fingerkraut (Potentilla reptans) oder das Gänsefingerkraut (Potentilla anserina) besitzen stets gestielte Laubblätter und ausnahmslos fünf Kronblätter.
- Sammeltipps: Den Wurzelstock gräbst du im zeitigen Frühjahr (März bis April) oder im Spätherbst (September bis Oktober) aus, wenn die Wirkstoffe im Rhizom konzentriert sind. Nimm nur einzelne Pflanzen aus größeren Beständen mit, reinige die Knollen mit einer Bürste unter fließendem Wasser, schneide sie in Scheiben und trockne sie rasch bei mäßiger Wärme.
Bedingungen für kultivierten Anbau
Die Blutwurz lässt sich wunderbar im naturnahen Garten oder in einem geräumigen Pflanzkübel auf dem Balkon kultivieren. Als typische Wildpflanze liebt sie vollsonnige bis halbschattige Plätze und bevorzugt saure, durchlässige sowie nährstoffarme Sand- oder Moorböden. Normale Blumenerde solltest du daher unbedingt mit etwas Sand oder kalkfreiem Substrat abmagern. Auf künstlichen Dünger verzichtest du komplett, da die Pflanze bei hohem Stickstoffangebot schnell verkümmert.
Vermehren kannst du die Blutwurz am einfachsten durch eine Teilung des Wurzelstocks im Spätherbst oder durch Samen, die als Kaltkeimer vor dem Keimen einen Kältereiz im Winter benötigen. Ein regelmäßiger Rückschnitt ist nicht erforderlich. Nach zwei bis drei Standjahren ist der Wurzelstock kräftig genug herangewachsen, sodass du Teile davon behutsam im Herbst ernten kannst.
- European Medicines Agency / HMPC (2011): Community herbal monograph on Potentilla erecta (L.) Raeusch., rhizoma (EMA/HMPC/527028/2010). ↩︎
- Subbotina, M. D., et al. (2003): Effect of oral administration of tormentil root extract on rotavirus diarrhea in children: a randomized, double blind, controlled trial. In: Pediatric Infectious Disease Journal, 22(12), S. 1106–1111. ↩︎
Steckbrief
- Kurzbeschreibung
- Ausdauernde, zierliche Wildstaude mit gelben vierzähligen Blüten und fleischigem Wurzelstock, der sich beim Anschnitt rot färbt
- Lateinischer Name
- Potentilla tormentilla
- Andere Namen
- Tormentill, Blutwurz, Rotwurz, Dilledapp, Ruhrwurz, Siebenfingerkraut
- Familie
- Rosengewächse (Rosaceae)
- Erntemonate
- Mrz - Apr, Sep - Okt
- Verwendbare Pflanzenteile
- Blätter, Wurzeln
- Blattform
- dreizählig, gefingert, gezähnt
- Fundorte
- Heiden, magere Berg- und Feuchtwiesen, Moore, Wegränder und lichte Nadelwälder
- Verwechslungsgefahr
- Andere Fingerkraut-Arten (z. B. Potentilla reptans, Potentilla verna); diese besitzen jedoch fünf Blütenblätter und gestielte Blätter
- Giftigkeit
- ungiftig
- Hinweise zur Giftigkeit
- Frei von Giftstoffen; aufgrund der hohen Gerbstoffkonzentration bei übermäßigem Verzehr schleimhautreizend
- Warnungen
- Kann auf nüchternen Magen Übelkeit auslösen; hemmt die Aufnahme von Medikamenten (mindestens 1 bis 2 Stunden Einnahmeabstand wahren); nicht bei blutigem Stuhl oder Fieber anwenden
- Inhaltsstoffe
- Ellagitannine, Flavonoide, Phenylcarbonsäuren, Triterpensaponine
- Eigenschaften
- adstringierend, antibakteriell, antiviral, blutstillend, entzündungshemmend
- Hilft bei
- Aphthen, Durchfall, Hautirritationen, Mundentzündung, Mundschleimhautentzündungen, Zahnfleischbluten
- Erkennung / Sammeltipps
- Erkennbar an 4 Kronblättern, sitzenden Blättern und dem rot anlaufenden Rhizom; Wurzelernte im Frühling oder Herbst
- Anbau
- Sonniger bis halbschattiger Platz, saurer, sandig-magerer Boden, feucht bis mäßig trocken, kein Dünger












